Ist Claude ein „Kind Gottes“?

Um diese Frage zu klären, hatte der Papst schon vor einigen Wochen Angestellte von Anthropic eingeladen – sich ihren Standpunkt angehört und offenbar sehr wenig davon in seine heute erschienene Enzyklika aufgenommen.

Jetzt ist Anthropic vor allem kein neutrales Unternehmen – im Gegensatz zu einigen anderen KI-Riesen sind sie angetreten, um die angepriesene Ur-Idee von OpenAI, eine „Verfassung“ als Grundlage von KI-Modellen, tatsächlich in die Realität umzusetzen.

Das alles konnte den Pontifex aber offenbar nur mittelmäßig überzeugen. Denn die „Magnifica Humanitas“, ein hundertseitiges Manifest zum Umgang mit künstlicher Intelligenz ist eine Abhandlung mit vielen Sorgen, die US-amerikanische KI-Unternehmen bislang primär zu Marketingzwecken genutzt haben. Nicht aber, um ihr Handeln unter grundlegende Prinzipien zu stellen.

Nun ist auch der Papst eine mindestens umstrittene Figur, an der es sich fantastisch streiten lässt.
Wer von uns sein Leben nach den Grundsätzen der katholischen Kirche lebt, werfe den ersten Stein. Selbst die Unangefochtenheit der Kirche als moralische Instanz hat in den letzten Jahren vermutlich die tiefsten Risse seit Gründung erlebt.

Trotzdem: Wir alle diskutieren seit Monaten, wenn nicht Jahren, über einen Umgang mit KI. Nicht nur im Arbeitsalltag, sondern als Gesellschaft. Wie umgehen damit, dass sich ein Großteil der Menschen um uns herum der potentiellen Illusion hingibt, einem wörtergenerierenden Computer die tiefsten Geheimnisse, die eigenen Kontodaten oder gesundheitliche Grenzerlebnisse entgegenzuwerfen und auf Hilfe oder Heilung zu hoffen?

Bei all dem ist es vielleicht gar keine schlechte Idee, mal die Wörter des Mannes zu lesen, dem zumindest auf dem Papier 1,4 Milliarden zuhören – oder zumindest dessen Position sie monatlich mit einem kleinen Obolus aufrechterhalten?

Und diese Worte haben es in sich – der Vatikan schaut auf die Entwicklungen im Bereich der künstliche Intelligenz nicht nur auf (zweifelsfrei beeindruckender) technischer Ebene – sondern auch gesellschaftlich – mit Vermerk auf turbokapitalistische Strukturen:

In unseren Tagen zeigt der Kolonialismus ein neues Gesicht. Er beherrscht nicht mehr nur Körper, sondern eignet sich Daten an und verwandelt das persönliche Leben in verwertbare Informationen. Ganze Gebiete, insbesondere jene mit geringerer geopolitischer Bedeutung und größerer struktureller Anfälligkeit, werden derzeit von einer neuen Logik der Ausbeutung durchzogen: Gesundheitsdaten, epidemiologische Profile, genetische Karten und demografische Daten. Dies sind die neuen „Seltenen Erden“ der Macht: lebenswichtige Informationen, die, sobald sie miteinander verknüpft sind, dazu genutzt werden können, Vorhersagemodelle zu trainieren, Investitionsstrategien zu lenken, Krisen vorauszusehen und vor allem auszuwählen, wer und was zählt. Wer über die Gesundheitsdaten ganzer Bevölkerungen verfügt – heute oft unter dem Deckmantel von Forschungsinnovation oder Entwicklungshilfe erhoben –, besitzt in Wirklichkeit einen strukturellen Hebel für die Zukunft: Er kann die Bedürfnisse und die Märkte gestalten. Und er kann vor anderen entscheiden, wem Medikamente, Investitionen und Schutzmaßnahmen zugeteilt werden. Hierin liegt eine der dringlichsten moralischen Herausforderungen unserer Zeit: gemeinsames Wissen in ein Gemeingut zu verwandeln, statt es als Beherrschungsinstrument zu nutzen. Das bedeutet, den Menschen nicht nur die Daten zurückzugeben, die sie beschreiben, sondern auch die Möglichkeit, zu entscheiden, wie diese genutzt werden, von wem und für wen. Andernfalls wird das digitale Zeitalter nicht postkolonial sein, sondern in einer anderen Form kolonial.

Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet der Papst vor der Nutzung des neuen Google Fitbit Air und dessen KI-Auswertung von Gesundheitsdaten warnen könnte?

Aber der Text, der in 245 handliche Päckchen verteilt ist, liest sich gleichzeitig wie das Skript eines hervorragenden re:publica-Vortrags über die Gefahren von Datenansammlungen, Big Tech und eine Dystopie, die Peter Thiel nicht schöner hätte stricken können.

Einem Algorithmus konkret die Macht zu übertragen, zu bestimmen, wem etwas zusteht und wem nicht, ohne dass noch jemand die Last der Entscheidung trägt, bedeutet, ihm die Aufgabe zu übertragen, die Grenzen menschlicher Möglichkeiten neu zu definieren. Was in diesem Prozess verloren geht, ist nicht nur das Mitgefühl für den Ausgeschlossenen, das künstlich nachgeahmt werden kann, sondern auch die politische Verantwortung.

Gleichzeitig nimmt uns der Vatikan angesichts dieser Übermacht der Tech-Riesen aber auch nicht aus der Verantwortung. Im Gegenteil: Zu Beginn des Schlusses dieses Machwerkes zitiert der Papst aus dem Brief Paulus‘ an die Korinther.

Kleiner Exkurs: Paulus gilt als ein Ur-Missionar, der in der griechischen Stadt Korinth eine Gemeinde gründete – und nach seinem Verlassen Wind davon bekam, dass dort Machtkämpfe und Unzucht statt erwünschte Struktur herrschten.
Also schrieb er laut Bibel mindestens zwei Briefe, um die Korinther daran zu erinnern, dass jetzt mal bitte ein bisschen aufzupassen ist.

Aber jeder soll darauf achten, wie er weiterbaut
(1 Kor 3,10)

Wir sind also alle Korinther – und idealerweise achten wir jetzt langsam mal darauf, wie wir weiterbauen.

(Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet ich ausgerechnet an einem Pfingstmontag einen längeren Text über einen noch längeren Text einen Papstes schreibe? Aber here we are.)

Ist Claude also nun ein Kind Gottes? Wohl nicht.

Es ist nicht möglich, eine eindeutige und umfassende Definition von Künstlicher Intelligenz zu geben. Fest steht jedoch, dass das Missverständnis zu vermeiden ist, diese „Intelligenz“ mit der menschlichen gleichzusetzen. Diese Systeme ahmen bestimmte Funktionen der menschlichen Intelligenz nach. Dabei übertreffen sie sie oft an Geschwindigkeit und Rechenleistung und bieten somit in zahlreichen Bereichen konkrete Vorteile. Diese Leistungsfähigkeit hat jedoch ausschließlich mit der Datenverarbeitung zu tun: Sogenannte Künstliche Intelligenzen machen keine Erfahrungen, besitzen keinen Leib, empfinden weder Freude noch Schmerz, reifen nicht in Beziehungen, wissen nicht von ihrem Inneren her, was Liebe, Arbeit, Freundschaft und Verantwortung bedeutet. Sie haben auch kein moralisches Gewissen: Sie unterscheiden nicht zwischen Gut und Böse, sie erkennen nicht den eigentlichen Sinn von Situationen und sie nehmen die Last der Konsequenzen nicht auf sich. Sie haben nicht einmal ein moralisches Gewissen: Sie unterscheiden nicht zwischen Gut und Böse, sie erfassen nicht den tieferen Sinn von Situationen, sie nehmen die Last der Konsequenzen nicht auf sich. Sie können Sprache, Verhalten und Beurteilungen imitieren, sie können Empathie oder Verständnis simulieren, aber sie verstehen nicht, was sie damit bewirken, denn sie bewegen sich nicht in jenem affektiven, relationalen und geistigen Horizont, in dem der Mensch zur Weisheit gelangt.




Ein Kommentar zu „Ist Claude ein „Kind Gottes“?“

  1. […] haben sich beide noch weiter mit der Thematik beschäftigt: Gavin in seinem Blogeintrag „Ist Claude ein ‚Kind Gottes‘?“ und Stefan in der aktuellen Ausgabe (hier z.B. auf YouTube) seines Podcasts „Die neuen […]


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert