Der Fall Collien Fernandes macht uns sprachlos, weil er Dimensionen von entmündigender Gewalt und patriarchalem Besitzdenken zeigt, die für viele von uns vermutlich in ihrem Ausmaß nicht vorstellbar waren.
Aber er ist erst der Anfang.
Die Vorwürfe lauten: Über Jahre soll ihr Exmann in ihrem Namen, mit ihrem Gesicht, ihrer Stimme und ihrem Körper gefälschte Gespräche, sexualisierte Fotos und Videos verbreitet und sogar über längeren Zeitraum vermeintliche Affären aufrecht erhalten haben.
Personen, die nicht hinterfragten, ob diese prominente Person wirklich mit ihnen über soziale Netzwerke anbändeln möchte.
Wir sprechen hier über Ereignisse die sich in den Monaten und Jahren vor Weihnachten 2024 abgespielt haben. Also über einen Zeitraum, in dem Deepfakes und Erstellung von Inhalten mit künstlicher Intelligenz noch Hoheitsgebiet und mit hohem Aufwand verbunden waren.
Jetzt, knapp anderthalb Jahre später, sieht das anders aus:
Das Jahr begann damit, dass Elon Musk, der Typ, der Twitter kaufte und der mit Grok einen eigenen Chatbot anbietet, eine Funktion eingeführt hatte, mit der jeder jederzeit mit allen Fotos alle Arten von Deepfakes erstellen konnte.
Es reichte ein „@Grok, ziehe dieser Frau einen Bikini an“ und Grok lieferte.
Es ist das Jahr, in dem Apps, die die Erstellung von Deepfakes auf einen Knopfdruck herunterautomatisieren, die Appcharts immer wieder dominieren.
Und es ist auch das Jahr, in dem die EU ein generelles Verbot von Deepfakes erst einmal auf Ende des Jahres, wenn nicht gar auf 2027 legt.
Es ist das Jahr, in dessen August die EU zwar ein Gesetzespaket für KI-Systeme einführt, das aber bei Deepfakes nur eine Kennzeichnungspflicht vorsieht.
Wir, vor allem die Männer, müssen uns mit Collien Fernandes solidarisieren. Wir müssen unser Verhalten hinterfragen. Männer im Umfeld sofort konfrontieren, wenn wir derartige Gewalt erahnen.
Und wir müssen uns auch eingestehen, dass wann immer wir sagen:
„Wer macht denn sowas?“, die Antwort vermutlich lautet:
„Jemand, den wir kennen.“
Aber das alles wird auch nichts daran ändern, dass dieser Fall hier erst der prominente Anfang einer Schwemme von Inhalten sein wird, die Menschen gegen ihren Willen sexualisieren.
Und es ist so frustrierend zu sagen:
Wieder einmal kommen Gesetze zu spät.
Wieso ist es möglich, dass solche KI-Deepfakes über 300.000 Aufrufe bekommen? Wieso ist es möglich, dass Fakeaccount mit Name und Gesicht prominenter Frauen über JAHRE im Internet agieren?
Zum einen: Männer, die Männer schützen.
Zum anderen haben wieder einmal große Techunternehmen hier gehandelt, bevor man sie hätte aufhalten können.
Denn ja, es ist auch das Jahr, in dem verhandelt wird, ob das heimliche Filmen in der Sauna(!) denn tatsächlich verboten werden soll.
Und ja, das reine Verbot wird solche Taten nicht verhindern. Verbote schaffen nicht zwangsläufig Realität. Vielleicht schaffen sie aber Gerechtigkeit.
Aber solange das Erstellen von sexualisierten Filmen in Deutschland gegen den eigenen Willen noch kein Straftatbestand ist, solange müssen wir weiter dabei zusehen, wie der nächste Chatbot um die Ecke kommt, der noch mehr Leitplanken reißt und Regeln bricht und das dann „Meinungsfreiheit“ nennt.
Zwar haben Facebook und mittlerweile auch YouTube Tools im Repertoire, die auf Grundlage von Gesichtsscans Deepfakes identifizieren und auch löschen wollen – aber wie zuverlässig das wohl funktionieren, wissen alle, die auf diesen Kanäle schon einmal Werbung für Finanz- oder Medizinprodukte, beworben von Eckart von Hirschhausen, Günther Jauch oder Joko Winterscheidt, gesehen haben.
Wir stehen erst am Anfang eines Lernprozesses, in dem wir, alles, was wir sehen, hinterfragen müssen. In dem solche Geschichten mehr werden werden.
Selbst, wenn es nur eine freundlich daherkommende Privatnachricht auf einem Businessnetzwerk ist.
Und don‘t get me wrong: Guns don‘t kill people, people do. Es ist natürlich nicht die Verantwortung der Technologie, wenn Menschen mit ihnen ihrem Frauenhass Ausdruck verleihen.
Aber die „Waffen“ werden immer zugänglicher, einfacher zu bedienen und zu beschaffen – und bislang gibt es kein Gesetz, dass irgendetwas dagegen unternimmt.