Z029

Z029. Diese Nummer war heute morgen meine Eintrittskarte in eine Welt, von der ich immer gehofft habe, dass sie nicht existiert: Das böse Atlantis. Das dunkle Pandora. Sogar mit Büchse.

Dienstagmorgens, 8 Uhr. Ein guter Zeitpunkt, um sein Auto anzumelden. Wäre da nicht die Crux, dass es sich um den ersten Tag des längsten Bahnstreiks aller Zeiten handelt – was meinen Weg durch die Bonner Innenstadt, bewaffnet nur mit KFZ-Kennzeichen, zu einem Parcours des Sozialneides verwandelt.
Blicke wie Klingen im zwischenmenschlichen Tal der Messer.

Die Ankunft am Bonner Stadthaus* bietet mir bereits den Luxus, die ganze optische Pracht des 70er-Gesamtschul-Lookalikes vollends zu genießen: Denn die Schlange zur Nümmernchenausgabe (oder, wie der hippe Juppie sie nannte: Wartemarken) führt von der Informationstheke durch den Raum, über die Drehtür nach draußen in die Unterführung vor dem Gebäude.

Ich fasse zusammen: Ich bin um 6:30 Uhr aufgestanden, um pünktlich um 8 Uhr auf dem Amt zu sein, um dann mit denen in einer Schlange zu stehen, die ich eigentlich vermeiden wollte. Normalerweise würde ich mich über Menschen wie mich ausschließlich abfällig äußern.
Und wenn ich mich so umsehe, weiß ich auch genau, wieso.

Denn um 08:14 Uhr betritt ein Mann den Raum, der seinem Unmut darüber, dass er hier nicht etwa einen gänzlich leeren Raum betritt, lautstark Luft macht: „Die ganzen Ratten, die um Punkt 8 Uhr hier auf der Matte stehen, um die Ersten zu sein…“.
Die Tatsache, dass ihn vom Dasein einer Ratte nur vierzehn Minuten trennen, spare nicht nur ich mir. Die Schlange bewegt sich und der Rattenfänger von Bonn kann warten.

Kann er nicht, wie sich herausstellt. Denn mit unzitierbaren Worten geht er die Wartemarkenausgabenbeauftragte an. Es sei eine Unverschämtheit, dass sie ihm nicht sagen möchte, welche „Zahl“ denn gerade „dran“ sei, warum sie ihren Job nicht richtig ausführe und stattdessen nicht einfach kündige.

„WAS IST DENN JETZT GERADE FÜR EINE ZAHL???“

Am Ende der Schlange wartet dann endlich das kleine Stück Papiergold auf mich: Z029.
Und die Nummer auf dieser Wartemarke, tja, so schlecht kann Z029 doch gar nicht sein.

Der Blick auf den Bildschirm verrät: Zwar befinden sich der Zeiger gerade bei Z005, was bedeutet, dass nur 24 Personen vor mir warten, aber schon ein kurzer Blick durch den Warteraum verrät: Da kann irgendetwas nicht stimmen.
Bis es mir dann relativ eindeutig vor Augen geführt wird: Während 14 Personen vor mir warten, die ihr KFZ anmelden – erkennbar am Kennzeichen ‚Z‘ (logisch, wie KFZ…), gibt es knapp 30 Personen, die ihren Personalausweis verlängern/neuaustellen/abmelden wollen (erkennbar am @, wie es sich für gutes Personal gehört), Unmengen Menschen, die andere Bürokratiewehwehchen haben (erkennbar an der vierstelligen Nummer ohne Vorzeichen – da steht also heute noch einiges an) und diverse Behördenangelegenheiten, die ich nicht weiter verifizieren kann (Erkennbar an den Buchstaben A, E, T und U).
Die nächste, damit verbundene Erkenntnis: Der Monitor (ja, Monitor, Singular.
Es befindet sich in einem Warteraum mit knapp 60 Sitzplätzen und unzählbar vielen, rege genutzten Stehplätzen, ein(!) einziger(!!) 30 Zoll-Monitor, der mit einem lauten ding.wav Bescheid gibt, wenn ein Beamter seine Redezeit mit einem meiner Vorgänger beendet oder überschritten hat) sortiert die Neuankömmlinge und Wartenden nicht etwa nach Symbol oder Logik, sondern schlichtweg chronologisch. Nach Zeitpunkt des Eintreffens.
Es fliegen also die Buchstaben und Symbole über den Bildschirm, kombiniert mit Angaben wie ‚Schalter 45‘ oder ‚Schalter F‘.
Als nach knapp 20 Minuten Z006 auftaucht, bin ich spürbar erleichtert: Die KFZ-Behörde hat immerhin noch nicht geschlossen.

Um meine Lunge von Asbest zu befreien, stelle ich mich vor das lamellige Fenster zwischen einige Raucher, um neben mir ein Flirtszenario zu beobachten, das selbst eingesessenen Flirtern das Grausen gelehrt hätte. Aus Gründen der Humanität erspare ich euch die Details, kann aber sagen: Sein „Ich muss gleich noch etwas an meinem Auto schrauben, du kannst ja gerne mitkommen“ wurde von ihr mit einem „Ich muss leider noch zur Reha“ abgetan. Ich weiß nicht, welcher der beiden Sätze weniger erlogen war, aber funktioniert hat beides nicht. Denn ihr „Wir können uns ja mal auf Face(sic!) auf was zu Trinken verabreden“ hat er dankend(!!!) angenommen.

Die Frage, „wo ich hier eigentlich bin“, erübrigt sich allerdings flux: Der Rattendiagnostiker nimmt sich freundlicherweise meiner an, um es mir zu erklären.
Im Laufe des Gespräches erfahre ich, dass er ursprünglich als Autohändler gearbeitet hat und es daher als Unverschämtheit empfindet, dass heutzutage die Autoanmeldung knapp 70€, also 160 Mark (sic!), kostet (Spoiler: Ich zahle später 29,60€ für die reine Anmeldung), dass er sie zu D-Mark-Zeiten damals für „Zwölfmarkfuffzig“ bekommen und vor allem: Dass er damals nicht so frech und unverschämt behandelt wurde. „Den Leuten geht es hier zu gut“, erklärt er.

„Ich war selber LKW-Fahrer, die hatten aber Angst, dass ich den Flughafen Wahn mit einem 40-Tonner in die Luft sprenge“. Spätestens jetzt ist also der Moment gekommen, wo er Gehör findet. Bei allen. Aber das Ziel seiner Erzählungen bin immer noch ich. Werde ich bleiben. „Vor Gericht habe ich dann gesagt, dass ich das verstehen kann. Aber meinem Anwalt habe ich keine müde Mark gezahlt!“. Logisch. Irgendwie muss er ja die Autoanmeldung zahlen.
Aber nicht heute: Denn heute ist er hier, um seinen Ausweis verlängern zu lassen.

„Direkt vor der Polizeiwache in Bonn verkaufen sie Heroin! Kokain! Die ganz harten Drogen!! Und die Polizisten schauen einfach nur zu!!!“.
Während ich noch überlege, ob ich mich für die Information bedanken oder mich einfach nur beleidigt fühlen soll, führt er weiter aus: „Das habe ich dem Polizisten auch gesagt!! Und was sagt er?? Dass ich die 5 Euro für den Strafzettel trotzdem zahlen soll!! Was soll das denn? Mein Freund reißt einen Kuckuck ab und muss 5 Jahre in den Knast und in Tannenbusch (Der Stadtteil Tannenbusch ist sozusagen die viertelgewordene Rütlischule Bonns) bringt seinen Nachbarn um und muss wegen Mord in Gefängnis. Das ist doch nicht fair!!! Welche Nummer ist gerade?“

Zwar hatte ich heute morgen noch keinen Kaffee, aber diese Sprünge und Zusammenhänge erschließen sich mir nicht einmal nach und nach. Um dieser Situation zu entgehen, versuche ich wegzusehen, auf mein Handy zu starren, IRGENDWAS!
Aber da hat er schon seinen Reisepass in der Hand und erklärt mir, dass er in Kabul seine Familie besucht hat. Und Dubai als Transit genutzt hat und deswegen dort sogar Stempel bekommen hat. Mehrfach dreht er den Reisepass in seiner Hand und blättert immer wieder auf dieselben zwei Seiten, in der Hoffnung, ich würde seinen Schwindel nicht bemerken.

„319“ sage ich. „320“ sagt er. „Gottseidank“ denke ich. „Viel Erfolg“ sagt er und verlässt die Situation. „Gottseidank“ denke ich erneut.

Wenige Augenblicke später kommt er zurück aus dem Stadthaus und ruft nur „MARTIN! ICH HABE GESAGT, DU SOLLST MICH NICHT BELEIDIGEN“. Zu seinem und unserem Glück stelle ich fest, dass es Martin wohl wirklich gibt. Und dass dieser ihn wohl tatsächlich beleidigt haben könnte. Puh. Fast hätte man meinen können, er sei verrückt.
Um weitere Konversationen zu vermeiden, gehe ich ihm entgegen in den Seventies-Wartetempel und weiß: Pandoras Büchse liegt direkt vor unserer Tür.
Wir sollten nur nicht hineinschauen. Wer weiß, ob wir jemals wieder rauskommen.

 

*Exkurs: Das Bonner Stadthaus ist ein 70er-Jahre-Bau, mitten in der Bonner Altstadt. Sieht ein bisschen so aus, als wollte man die Ästhetik alter Gründerzeithäuser bewusst durch ein 72 Meter hohes Gebäude zer- und stören. Wirkt wie eine mit Absicht herbeigeführte Steigerung der Suizidrate und fühlt sich beim Vorbeigehen auch so an. Von Innen überzeugt der Bau vor allem durch Teppich, tiefe Decke und viel, viel Plastik in einem Chic, der in spätestens 5 Jahre als Abrissgrund gelten dürfte. Asbest at it’s best.