Stephan – eine Brandschrift in Erzählform

„Julia Engelmann“, höre ich mich mehr schimpfen als sagen, „die hat ohnehin eine ganze Generation junger Schreiber für immer zerstört.“
Mein Name ist Stephan und meine größte Leidenschaft ist es, das große Ganze aus dem Blick zu verlieren, wenn jemand versucht, an den Säulen meines Standpunktes zu rütteln. Einer davon ist, dass Poesie kein Sport ist.

Es ist einer dieser Abende, an denen man ausfällig werden kann, ohne persönlich zu werden; diskutieren kann, ohne Folgen zu befürchten. Und vor allem: An dem man eigentlich dafür einstehen muss, dass man eben nicht schöner oder besser leiden kann, als jemand anders.
Um zu beweisen, dass Poetry Slam auch nur ein Ausdrucksmittel ist, dass gewisse Schemata befolgt und die Kunst so nach allen Regeln der Kunst in den Arsch tritt, sehe ich eigentlich nur aus dem Augenwinkel, wie meine Hand in eine andere Hand freundschaftlich aber bestimmt einschlägt. Die Wette gilt und das ist dann halt jetzt so.

Um mich herum fallen Worte wie „typisch“ und „nicht schon wieder“. Ein Status, den man sich durch jahrelanges Aneignen von Informationen erarbeitet, die im Grunde niemanden interessieren. Ein Status, der nur aufgrund von Anekdoten funktioniert, die man begleitend erzählen kann.
Wie zum Beispiel die Phase, in der ich mir in mühsamer Kleinstarbeit die Gebärdensprache angeeignet hatte, um zu beweisen, dass Fuchteln eben auch Kommunikation ist. Nicht, dass das irgendjemand bestritten hätte – aber als mir klar wurde, dass die Geste, ein Kopftuch mit seinen Händen nachzuziehen, das Wörtchen „Aldi“ bedeutet, gab es eigentlich sowieso kein Zurück mehr.
Ich bin übrigens auch der Typ, der damals in die Pizzeria gegangen ist und sich eine Pizza „nach Hause“ bestellt hatte, um das Geld für das Taxi zu sparen.

Jetzt, retrospektiv betrachtet, muss man also wohl sagen, dass das Merkmal „typisch“ für mein Verhalten irgendwie tiefstapelnd zutreffend ist. Und trotzdem: Jetzt habe ich – relativ spontan – die Aufgabe, mich an einen Text zu machen, der den Ritterschlag „Text“ eigentlich überhaupt nicht verdient. Ein Text, der so wahnsinnig „meta“, „post“ und vor allem: wahnsinnig „inter“. ist.
Um nicht dem Schwafeln zu verfallen, gelten also die folgenden Regeln: „Eine Ellipse macht noch keinen Sommer“, „Märchen erzählen geht nur mit dem Bruder“ und „Wer Lesen kann, kann auch rappen“.
Einfache Maximen, die mich zwingen, in meiner Recherche das Phänomen „Julia Engelmann“ zu zerkauen, um zu schauen, was am Ende der Verdauung übrig bleibt. Die traurige Wahrheit ist: Nicht viel, Baby.
Das Viralvideodarstellerin gewordene „Lebe-Deinen-Traum“-Gedicht überzeugt vor allem durch „Und, wie seid ihr zusammengekommen?“-Erzählungen, fast schon schlageresk-wirkenden Deutschübersetzungen von vergangenen Popschlagern und Durchhalteparolen für die John Keating vermutlich mit dem eigens mitgebrachten Beil „deswegen einfach mal hier den Tisch kaputtmachen würde.“
Um Ähnlichkeiten auszumerzen – und aus rein populistischen Gründen – entscheide ich mich gegen die „Carpe Diem“-Thematik. Der kleine Prinz hat jetzt mal Pause. Ich wähle den Platzhirsch der Themen: Die Liebe.
Denn bereits morgen darf ich an der Gedichteschlacht teilnehmen – und sollte eigentlich keine Risiken eingehen.

Als ich am Theater ankomme, haben sich die anderen Akteure bereits eingefunden. „Um sich einzugrooven“, wie ich im Zwiegespräch mit Mark erfahren darf. Mark hat einen Text über Kinderlieder geschrieben. Wieso „Hänschen Klein“ so wahnsinnig sexistisch ist und was „Alle meine Entchen“ in Zeiten veganen Zusammenlebens tatsächlich für eine missionierende Wirkung haben kann.
Um mich nicht spontan zu übergeben, nasche ich von den liebevolle positionierten No-Name-Twixen und frage mich, wieso der Markenname „Raider“ damals eigentlich so unsexy war. Gescheiterte Marktforschung?

Bevor ich meine vielleicht bahnbrechenden Überlegungen jedoch zu Ende bringen darf, werde ich vom Moderator des heutigen Abends unterbrochen und auf die Bühne geführt.
Ich mag Moderation, ich mag, dass es Conférenciers gibt, die durch den Abend führen und dem Publikum zeigen, dass die Veranstalter sich etwas bei der Dramaturgie überlegt haben.
Um den Zauber jedoch zu nehmen, stelle ich relativ schnell fest, dass der Moderator des heutigen Abend ein wahnsinnig reflektierter Typ sein muss. Anders ließe sich nicht erklären, wieso er auf der Bühne vor allem von sich, seinen Erlebnissen und seiner Einschätzung zu sämtlichen Aspekten des Lebens zu Beginn des dritten Jahrtausends äußert.
Ich lese als Viertes. Kurz nach dem Dritten, aber weit vor Nummer 9 und 10. Na immerhin besteht die Möglichkeit, dass ich der erste Engelmann heute Abend bin. Ob da wohl jemand im Publikum sitzt, der das alles filmt, Baby?
Bevor wir dann endlich „zur Sache“ kommen können, will aber auch der Moderator, der sich jetzt schon zum zweiten Mal dem Publikum namentlich vorgestellt hat, einen Text vortragen. Finde ich okay. Bis ich den Text höre.
Den Text, der originellerweise davon handelt, dass er sich verspätet hat, weil er mit der Straßenbahn gefahren sei.
„Als ich dann beim Warten bemerkte“, führt er aus, „dass der Typ neben mir die ganze Zeit auf mein Handy schaut, schrieb ich mir einfach eine SMS mit dem Text: ‚Ich seh dich.‘“ – sein Pferdeschwanz wackelt lustig, wenn er über seine eigenen Pointen lacht.
Und das Publikum lacht mit. Irgendwie.
Aber es war ein Lachen, dass der gemeine Zuschauer eigentlich sonst nur von Schultheateraufführungen kannte.
Es ist ein Lachen, dass in sich schon zum Ausdruck bringt, dass der Lachende die Pointe bereits am Eingang vermutet hatte.
Ein Lachen, dass den Vorwurf an sich selber mitträgt, dass man jetzt doch ohnehin zu lachen hätte – das hier ist immerhin eine Unterhaltungsveranstaltung. Kurz denke ich darüber nach, auf meinen Engelmann, Baby-Text zu verzichten und ein Stück aus meinem Buch „Hass ist ein Fourletterword“ vorzulesen, entscheide mich dann aber doch spontan dagegen – ich bin ja schließlich nicht zu Spaß hier.

Um final zu vermeiden, dass irgendein spitzfindiger Lokaljournalist im Publikum in seiner Nachberichterstattung irgendwelche Parallelen entdeckt, entscheide ich mich erst sehr kurzfristig dagegen, den Refrain einer Revolverheldschmonzetten zum Besten zu geben. Kein „Halt dich an mir fest“, dafür direkt die ganze Kunst der Vokalverstümmelung.
Keine Assoziationen wecken, sondern die zwangslachende Menschen, die ja alle darauf warten, auch einmal beim Engelmanneffekt dabei zu sein, beim Schopf packen. Ich blickte in das Publikum mit seinem tiefsinnigstem Blick und fing an:

„Du bist mein wunder Punkt. Du bist mein Wunderpunkt. Du bist mein Wunder. Punkt.
Du bist mein Anfang. Du bist mein Goldfang. Du bist mein Abspann.
Du hast in diesem Café ge-sessen. Hast du dich nie gefragt, wann es genug ist?
Wann es reicht, dass es ist, wie es ist?
Wenn wir irgend-wann aufstehen und merken, dass
wir uns keine Fragen stellen,
haben wir
uns verpasst.
Du bist meine Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung.
Du bist mein Lebenslauf. Du bist mein Leben. Lauf.“

Frenetisch wird mir mit Applaus gedankt. „Ihr wolltet, dass jemand die Karte „Repetition“ zieht, da habt ihr!“, denke ich – um jetzt keinen Fehler zu machen, bescheiden zu bleiben und vor allem, um die Authentizität meines wahllosen Gealbere nicht kippen zu lassen, winke ich einmal lächelnd in Publikum und bedanke mich.

Am nächsten Tag finde ich mein Video im Internet. Geteilt von meinem Wettpartner. Hey, Frank, denke ich, hab ich doch gesagt.
Während vor meinem inneren Auge Markus Lanz in Tränen ausbricht, als ich ihm in seiner Talkshow ins Ohr hauche, dass er mein wunder Punkt ist, schreibe ich an einer Vorabendserie für den WDR.
Den Arbeitstitel behalte ich allerdings erst einmal für mich.