Eingeschrieben, Ausgestiegen

Ja, es ist wirklich wahr, ich ändere meinen Status und bin nicht länger nur Mensch, Linkshänder und Wassermann, sondern auch – gefürchteterweise – Student. Irgendwo also zwischen Uuuh und Iiih.

Dass ich als Wahlkölner jetzt in Bonn studiere, fühlt sich ein bisschen so an, als hätte ich bei Grand Theft Auto die Brücken endlich freigespielt und die erkundbare Gegend wäre plötzlich viel größer.

Die Chronik meiner Einschreibung:

10:00 Uhr Gute Laune! Bonn ist um die Ecke und ich müsste das ja fix hinkriegen. Mit dem Fahrrad zum Bahnhof, man gönnt sich ja sonst nichts.

10:10 Uhr Ich ziehe ein Ticket für 7,70€. Meinen Zug habe ich gerade verpasst. Selber schuld, hab nicht auf den Plan geschaut. Aber hey: Gute Laune!

10:12 Uhr Ich kann mich entscheiden, um 10:32 den RegionalExpress, um 10:18 den Intercity (wofür ich allerdings ein neues Ticket ziehen müsste, weil der Zuschlag, wie ich dann erfahren darf, nicht einzeln gekauft werden kann.) oder um 10:20 die Straßenbahn zu nehmen – die allerdings eine Stunde unterwegs ist. Ich entscheide mich für den doppeldeckigen Querschnitt unserer Gesellschaft. Mittelgute Laune.

10:36 Uhr Der RegionalExpress fährt ein.

10:44 Uhr Der RegionalExpress fährt ab.

10:53 Uhr Der Zug hält gerade in Brühl. Vielleicht pfeife ich auf meine Zukunft, steige aus und gehe einfach ins Phantasialand.
Das erscheint mir doch als vernünftigere Alternative. Erstaunlich auch, wie viele Kindergeburtstage in so einen RegionalExpress passen. Die Klangkulisse hat sich mit dem Halt in Brühl jedenfalls stark geändert.

11:03 Uhr Ankunft in Bonn. Hier steht „Willkommen in der Stadt der vereinten Nationen.“ – In Berlin heißt das einfach Multikulti und die AfD nennt das sogar „nicht integrierbar“. Aber ich nenne die AfD ja auch „nicht wählbar“.
Ich frage mich allerdings, ob das Phantasialand wohl auch dazugehört.

Die 90er haben angerufen, sie hätten gerne ihren Bahnhof zurück. 1/2
Die 90er haben angerufen, sie hätten gerne ihren Bahnhof zurück.

11:06 Uhr Ich laufe durch katakombenähnliche Flure des Bonner Hauptbahnhofs, die den Weg nach draußen weisen. In Wuppertal nennt man einen ähnlichen Tunnel liebevoll „Harnröhre“. Hierbei handelt es sich dagegen eher um einen Zeitkanal direkt ins Jahr 1992. (siehe Bild.)

11:14 Uhr Über einen Fußweg, der eigentlich nur von der kilometerlangen Pforte zum Buckingham Palace getoppt wird, erreiche ich das Studentenbüro. Gerüchteweise erfahren habe ich, dass mich nun zermürbende Stunden des Schlangestehens erwarten und ich mich mit einem zeitnahen Ableben anfreunden sollte. Ich werde von Fachschaftsvertretern begrüßt, die hier heute die einzigen Menschen bleiben sollen, die mich duzen und mir die Hand geben, um sich vorzustellen.

11:15 Uhr Ein Schild „Bitte beachten Sie, dass wir aus Hygienegründen auf jegliche Handkontakte vermeiden“. Ein Blick auf die, die sich ebenfalls einschreiben, lässt erahnen, wieso und plötzlich fühle ich mich sehr unrein.

11:20 Uhr Alles ist gelaufen, ich verlasse das Gebäude als Student Studierender und weiß nicht, ob ich irgendetwas vergessen habe. Ach ja. 254€, die darf ich bitte noch heute überweisen. Logo.

11:47 Uhr Nach einem Spaziergang – vorbei an einem Plattenladen, einem Haribogeschäft(!!!) und durch kilometerweise Grünflächen habe ich als gebrandmarktes, urbanes Grossstadtkind, das sich schon über die drei Bäume auf unserer Straße freut, einen Idyllkoller und muss umgehend nach Hause. Das muss ich erstmal verarbeiten. Unnötig dazu zu sagen, dass die Verkäuferin meines Brötchen ihren Handschuh ausgezogen hat, um zu kassieren. Sowas passiert in Köln nicht.

Zusatzerkenntnis 1: Der Altersdurchschnitt in der Straßenbahn zwischen Köln und Bonn liegt weit(!) über 59 Jahre.
Zusatzerkenntnis 2: Die am Bahnsteig Wartenden lassen optisch Schlüsse auf den sozialen Stand eines Stadtteils zu.
Zusatzerkenntnis 3: Wesseling ist optisch das Pjöngjang des Rheinlandes.

So sieht die Universität wirklich aus!
So sieht die Universität wirklich aus.

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