Aus dem Archiv: Der Kaiser ist tot, lang lebe der Kaiser!

Mutter Köhm. Bild von flickr-Nutzer mkorsakov (CC 2.0 BY-NC-SA)

erstmalig veröffentlicht am 10.05.2013

Es ist schon verrückt.
Es muss so circa im Jahre 2008 gewesen sein, als ich feststellte, dass ich komischerweise jeden Sonntag in dieser Bar sitze.
Ich habe noch in Mülheim an der Ruhr gewohnt.
Der Stadt, die mich pubertierend ertragen hat und trotzdem nicht ganz in sich zusammengefallen ist. Das Motto “Diese Stadt hat mich kaputtgemacht und ich bleibe, bis man ihr das anmerkt“, hat offensichtlich nicht ganz funktioniert.

Es war wohl an einem dieser Sonntagabende, die irgendwie an einen Tag angeschlossen haben, der nur im Loch im Kalender war. Sonntage, der Abschaum der Woche.
Irgendwann habe ich durch den Raum geschaut und festgestellt, dass ich hier jeden kenne. Die einzig-logische Konsequenz für mich, war es etwas zu ändern.
Ich habe hier meine Jugend verbracht. In dieser Stadt, einen großen Teil davon sogar in dieser Kneipe.

Alles war offensichtlich. Flucht nach Draußen.
Es lässt sich sogar alles in allem zusammenfassen, dass ich dort sicherlich nicht so schnell dort weggezogen wäre, wenn ich diesen Geistesblitz nicht gehabt hätte.

Zwei Jahre später, am 2. Weihnachtstag 2010, habe ich dort eine Verlobung inszeniert.
Es war eine Spontanidee, angeregt durch den freundlichen Rosenverkäufer und dem Gedanken daran, einem solchen Gastrostreuner noch nie eine Form der Unterstützung zukommen gelassen zu haben.
Ich habe mir einen Ring ausgeliehen und einer guten Freundin einen Heiratsantrag gemacht. Zwar war dort nie Liebe im Spiel und sicherlich wollten wir nie (NIEMALS!) miteinander verheiratet sein, aber hey, was Brit Spears hingekommen hat, wird unsere Amts-, Land- und Familiengerichte sicher nicht aufhalten.
Stornierung der Ehe als Schlagwort.

Die Vorstellung daran, das Hochzeitsfest so zu gestalten, dass als einziges Buffet dort eine Badewanne, gefüllt mit Spaghetti, angeboten wird, dass ein Pinguin gezwungen wird (oder notfalls ein Halbwüchsiger mit zusammengenähten Hosenbeinen und Wrack), uns die Eheringe zu bringen und dass wir selbst auf den Alkohol an diesem Tag am Allerwenigsten zu verzichten, klang zu spannend.
Es hat keine zwei Stunden gedauert, bis ich eine SMS meiner Ex-Freundin bekommen habe, was ich mir denn bloß dabei denken würde.

Es ist ein schönes Gefühl, Menschen zu haben, die solche Momente mit einem teilen, die solche Ideen mit einem basteln, die sich mit einem erinnern und die einem das Gefühl geben, Familie zu haben. Familie, die man sich aussucht, die man nicht mir gehen lassen möchte.

Irgendwann, Anfang 2012, kamen meine guten Freunde L. und J. auf mich zu und sprachen mich darauf an, dass ich ja irgendwie Veranstalter oder so wäre und dass sie vor hätten, ein Festival zu veranstalten. “Ein Festival?! In Little MHadR? Crazy.” – dachte ich und sagte ich.
Aus dieser Idee, die viele Biere, Stunden und Hirnschmalze vernichtete, wurde das Mölmsch OpenAir.
2.000 Menschen in der Mülheimer Freilichtbühne, für die ich im Endeffekt moderieren durfte.
Bezeichnend auch, dass die Afterafteraftershowparty des Mölmsch OpenAir in einer stadtbekannten Disco namens ‘Oberbayern*’ (der Name ist übrigens Programm. Und der DJ spricht in die Songs, um die Menschen nach Kirmesmanier ‘Jetzt wird noch mal getaaaaanzt’ zu … beflügeln?) stattgefunden hat.

Als netter Nebenvermerk ist es schön zu erwähnen, dass ich bei exakt diesem Festival in Erstauflage damals binnen fünf Minuten das Jahresabschlusskonzert meiner Band organisiert habe. Vitamin B, powered by Kaisereck.

Der Kneipe, in denen dich die Menschen noch ansprechen, wenn du aufgrund einer vorherigen Veranstaltung im Anzug dort auftauchst.
Der Kneipe, in der du mit wildfremden Menschen über die Liebe philosophieren kannst, um festzustellen, dass diese Personen die Eltern der Freundin eines Freundes von dir sind.
Der Kneipe, in der du mit anderen wildfremden Personen über irgendetwas philosophieren kannst, bis du feststellst, dass du nicht mehr philosophieren kannst.
Die Kneipe, die mich und Julischka, dem verräterisch-brutal-süßen Likör bekannt gemacht hat.

Morgen Abend schließt das Kaisereck. Ob es am Rauchverbot liegt, weiß ich nicht. Dass es einige Menschen betroffen macht, schon. Jeder kann unzählige Momente und Erinnerungen auflisten, die dort stattgefunden haben.
Und das rührt mich irgendwie. Und macht betroffen.

Hau rein, Mülheim. Wir sehen uns im Schilderhaus – oder davor.

4SQ: Kaisereck

* = Auch bezeichnend übrigens: Das Oberbayern wird ebenfalls morgen Abend schließen.