Der etwas andere Ernst des Lebens

Erstiwoche.

Das sich-am-fremdesten-anfühlende Wort in deutscher Sprache nach “Existenzprüfung” und “Wohngeldbescheidannahmebehörde”.

Umso angenehmer, dass wir – alle Germanisten – relativ schnell verstanden haben, dass der ursprüngliche Begriff Orientierungswoche binnen weniger Sekunden komplett ad absurdum geführt würde, als uns klar wurde:

Zum einen ist es vollkommener Hohn, in einem alten Schloss, das zwar wunderschön ist, aber aus historischen Gründen des Einbrecherschutzes komplett bewusst verwinkelt und -worren konzipiert wurde, eine Universität zu errichten, in dem die junge Elite des Landes zwar vor allem konzentriert auf das zu lernende Material sein soll, sich aber stattdessen die meiste Zeit – so scheint es – auf Trakte, Gänge und Flure bedacht sein muss, um zu vermeiden, dass man plötzlich in der falschen Haushälfte landet, was einen absoluten Verzweiflungsstoß zur Folge hätte.

Zum anderen wurden unsere Orientierungssinne mit einem freundlichen Sektempfang quer durch den hirneigenen Alkoholinkubator gejagt.

Fassen wir zusammen: Ja, vermutlich passt der Begriff “Erstiwoche” – ist er doch auch noch nach 20.000 Schritten und 20 Schlücken noch fehlerfrei aussprechbar.

Trotz allem: Die Gänge dieser Universität erinnern sowohl an das alte Rom bei Asterix, in dem es eigentlich nur zählt, Gang 27 zu finden, als auch an den Louvre; nur mit goldenen Ritterstatuen, kaffeetrinkenden Studierenden und bebrillten Dozenten, anstatt der Mona Lisa – aber man kann ja nicht alles haben.
Diese Woche hat vor allem aber auch gezeigt, dass Studenten von der Gesellschaft genau das bekommen, was sie verdienen: Anerkennung für prekäre finanzielle Situationen.
Nicht nur, dass das Bahnfahren durch das gesamte Bundesland gratis ist (was in NRW sehr praktisch, in Bremen dagegen eher sehr gemein ist), der Kaffee in der Universität nicht einmal ein Viertel des, von Starbucks vermutlich für immer zerstörten, Preises kostet und dass in der Mensa das Essen für Studierende nur zur Hälfte zu Kosten schlägt (was ist eigentlich die Hälfte von Sehrwenig?) – nein: Für Studenten kosten innerhalb Bonns die Katergerichte (Döner, Pizza, Pommes) allesamt circa 2€, die Garderobe in der Universität ist gratis und auch sonst: Die luxuriösen Umstände, die mich als Lernender ereilen, zeigen mir, dass eine Nation, die einmal Bücher verbrannt hat, offenbar einiges bei den Akademikern wieder gut zu machen hat.
Wirklich unverständlich, wieso sich Langzeitstudenten unstudierend einschreiben.

Bonn, das ist aber vor allem auch: Autonomie.
Autonomie, um sich aus dem Schatten des (vermeintlich?) ungeliebten großen Bruders Köln zu befreien, aber trotzdem ohne Gram das Bier von dort zu importieren.
Autonomie, des böses Berlins gegenüber, das den Status als Interimshauptstadt ruiniert und durch die – immerhin einzigartige, aber trotzdem wertlose – Bezeichnung “Bundesstadt” ersetzt hat.
Diese Unabhängigkeit erkämpft sich Bonn durch einen Luxus, von dem viele Kleinstädte nicht einmal zu träumen wagen: Einen eigenen Longdrink.
Dem geneigten Bonnkneipenbesucher wird schnell der/die/das “Flimmo” auffallen: Waldmeisterschnaps und Zitronenlimonade. Oder wie man morgens sicher schnell feststellen wird: Pest und Cholera.
Dass Bonn darüber hinaus vor allem vom Idyllenstatus profitiert und gewinnt, habe ich ja bereits zur Genüge beschwärmt. Dennoch, liebe Bonner: Vielleicht liegt es an mir, aber ich glaube, zwischen “Bönnsch” und “Kölsch” besteht ein nur maximal marginaler Unterschied. Wenn überhaupt.

Beschämend ist dagegen die Tatsache, dass gleich mehrere Leute innerhalb der ersten vier Tage auf mich zukamen, um die nicht unbedingt offensichtlichste aller Fragen zu formulieren:
“Gavin? Bist du nicht der mit dem Blog?”
Das letzte Mal, als meine Anonymität derart ineinander zerfallen war, habe ich meine Heimatstadt verlassen. Hier gibt es den Clash of Demaskierung bereits in der ersten Woche. Aber vielleicht ja auch gar nicht so schlecht; schließlich habe ich so den Luxus, direkt mit offenen Karten zu spielen.

Es ist absolut frappierend, wie identisch “Studidiscos” überall auf der Welt sind. Die Abende laufen meist gleich, Freibier bis 24 Uhr, Wodka-Energy für 1€, die Top 10 der letzten 15 Jahre und “cut my life into pieces!”.
Draußen stehen die Raucher, drinnen brennt die Luft. Dennoch: Unterhaltsam alle Male.
Immerhin: Die Pizzabude am Bahnhof ist wahnsinnig günstig für mich als Student und rund um die Uhr zugänglich.

Übrigens: Menschen, die sich bei Vorstellungsveranstaltungen zu Wortbeiträgen melden, haben ein Egoproblem.

Nächstes Mal dann: Wieso die Bachelorprüfung nichts mit Rosen zu tun hat, die Hälfte dort trotzdem die Haare nach hinten gelt, wieso der Frauenanteil im Studiengang Germanistik weit über 80% liegt, wieso es zum Haareraufen und Lautenschreistößen führt, wenn man seinen Stundenplan zusammenstellen darf, wer Regina Pacis ist und was meine Lebenserfahrung als Ältester des Studiengangs wert ist. (Kurzer Spoiler: Nix.)

Erkenntnis der Woche: Nach Sechtem fahren nur die Echtem. Und Legastheniker.

Frage der Woche: Die germanistische Fachschaft lädt zum gemeinsamen Vorlesen selbstgeschriebener Texte. Ob da auch ein Twitteraccount reicht?